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Bundespräsident Steinmeier zur Eröffnung der Ausstellung „Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg“ am 18. Juni 2021 in Berlin

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und Eröffnung der Ausstellung Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg am 18. Juni 2021in Berlin

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und Eröffnung der Ausstellung „Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg“ am 18. Juni 2021 in Berlin, © Bundesregierung / Guido Bergmann

18.06.2021 - Pressemitteilung

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Den 22. Juni 1941 erlebt Boris Popov als junger Panzergrenadier. Er ist 19. Seine Einheit liegt wenige Kilometer vor Minsk. Nach dem Frühstück am Morgen des 22. Juni, erzählt er, seien er und seine Kameraden in den Garten gegangen, um sich in die Sonne zu legen. Die ersten Schüsse und Explosionen hört Boris Popov dort, im Gras liegend. Es ist ein Sonntag.

Zwei seiner Kameraden kommen gleich in den ersten Gefechten ums Leben, sein Panzer wird zerstört. Der Regimentskommandeur befiehlt den Rückzug. Die Soldaten machen sich zu Fuß auf den Weg nach Minsk. Dass dort bereits die deutsche Wehrmacht auf sie wartet, wissen sie nicht. So gerät Boris Popov – zehn Kilometer vor Minsk, noch in den ersten Kriegstagen – in deutsche Gefangenschaft.

Das erste Lager, in das man ihn bringt, ist Drosdy, fünf Kilometer nördlich von Minsk – kein Lager eigentlich, eine Sammelstelle unter freiem Himmel. Bilder der deutschen Wochenschau aus diesen Tagen zeigen den Ort: eine unüberschaubar weite Fläche, mit Stacheldraht umzäunt, auf der abertausende sowjetische Soldaten und Offiziere im Staub hocken oder stehen, in sengender Hitze, junge und schon ältere Männer und irgendwo in dieser Menge ist auch Boris Popov. Zu den deutschen Wochenschaubildern hören wir den Sprecher sagen: „Die Gesichter dieser Untermenschen sind von Raubgier und Mordlust gezeichnet.“ Was man tatsächlich sieht auf diesen Bildern, sind die von Hunger und Durst versehrten Gesichter völlig entkräfteter Gefangener.

Allein in Drosdy werden Zehntausend dem sogenannten „Kommissarbefehl“ zum Opfer fallen. Vermeintliche „Politkommissare“ der Roten Armee, so die Anweisung der Wehrmacht, seien nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern „an Ort und Stelle zu erledigen“.

Boris Antonowitsch Popov, Soldat und Veteran der Roten Armee, verstarb vor genau einem Jahr, am 20. Juni 2020, im Alter von 98 Jahren. Ich habe ihn nie kennengelernt, aber ich habe mir seine Geschichte erzählen lassen. Boris Popov selbst hat sie uns erzählt, in Vorträgen, in Reden und zuletzt, vor fünf Jahren, in einem Dokumentarfilm des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

Man sieht Boris Popov in diesem Film auf einer Bank sitzen, in einem Park in Minsk, wo er seit 1950 lebte. Er sitzt dort nicht wie ein Mann in den Neunzigern. Alt, ja, aber ohne eine Spur von Müdigkeit. Lebhaft, geistesgegenwärtig – eine beeindruckende Erscheinung.

Er hatte Glück. Er überlebte den Krieg. Und wir hatten Glück, dass er uns seine Geschichte erzählen konnte.

Es ist die Geschichte nur eines einzigen Soldaten. Und der Krieg, von dem er erzählt, begann schon zwei Jahre zuvor mit dem deutschen Überfall auf Polen. Ich habe am ersten September 2019 in Wieluń, in Polen und in Warschau daran erinnert. Zwei Jahre, in denen der Zweite Weltkrieg weite Teile Europas schon mit Zerstörung, Besatzung und Gewaltherrschaft überzogen hatte.

Was nun folgte, was am 22. Juni 1941 begann, war die Entfesselung von Hass und Gewalt, die Radikalisierung eines Krieges hin zum Wahn totaler Vernichtung. Vom ersten Tage an war der deutsche Feldzug getrieben von Hass: von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion.

Die diesen Krieg führten, töteten auf jede erdenkliche Weise, mit einer nie dagewesenen Brutalität und Grausamkeit. Die ihn zu verantworten hatten, die sich in ihrem nationalistischen Wahn gar noch auf deutsche Kultur und Zivilisation beriefen, auf Goethe und Schiller, Bach und Beethoven, sie schändeten alle Zivilisation, alle Grundsätze der Humanität und des Rechts. Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei.

So schwer es uns fallen mag: Daran müssen wir erinnern! Und wann, wenn nicht an solchen Jahrestagen? Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung, und der Welt ein Mahnmal.

Hunderttausende sowjetische Soldaten sind schon in den ersten Monaten des Krieges, im Sommer 1941, gefallen, verhungert, erschossen worden.

Unmittelbar mit dem Vormarsch der deutschen Truppen begann auch die Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder durch Erschießungskommandos des SD, der SS und ihrer Hilfstruppen.

Hundertausende Zivilisten in der Ukraine, in Belarus, in den baltischen Staaten und in Russland wurden Opfer von Bombenangriffen, wurden als Partisanen unerbittlich gejagt und ermordet. Städte wurden zerstört, Dörfer niedergebrannt. Auf alten Fotografien ragen nur noch verkohlte steinerne Kamine aus einer verwüsteten Landschaft.

Es werden am Ende 27 Millionen Tote sein, die die Völker der Sowjetunion zu beklagen hatten. 27 Millionen Menschen hat das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht. 14 Millionen von ihnen waren Zivilisten.

Niemand hatte in diesem Krieg mehr Opfer zu beklagen als die Völker der damaligen Sowjetunion. Und doch sind diese Millionen nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, wie ihr Leid, und unsere Verantwortung, es fordern.

Dieser Krieg war ein Verbrechen – ein monströser, verbrecherischer Angriffs- und Vernichtungskrieg. Wer heute an seine Schauplätze geht, wer Menschen begegnet ist, die von diesem Krieg heimgesucht wurden, der wird an den 22. Juni 1941 erinnert – auch ohne Gedenktag und Mahnmal.

Spuren dieses Krieges finden sich in alten Menschen, die ihn als Kinder erlebten, und in den jüngeren, in ihren Enkeln und Urenkeln. Man findet sie von der Weißmeerküste im Norden bis zur Krim im Süden, von den Ostsee-Dünen im Westen bis Wolgograd im Osten. Es sind Zeichen des Krieges, Zeichen der Zerstörung, Zeichen des Verlustes.

Zurück blieben Massengräber – „Brudergräber“, wie man auf Belarusisch, Ukrainisch und Russisch sagt.

Das Morden ging in der Etappe weiter. Der Wehrmachtssoldat Paul Hohn, stationiert im belarusischen Berasino, notiert am 31. Januar 1942 in seinem Tagebuch: „Es ist 15 Uhr. Seit einer Stunde werden alle noch hier wohnenden Juden, 962 Personen, Frauen, Greise und Kinder erschossen. […]. Endlich. Ein Kommando von 20 Stapos vollzieht die Aktion. 2 Mann schießen immer in Abwechslung. Die Juden gehen im Gänsemarsch […] durch den Schnee […] zur Grube, in die sie hintereinander hineinsteigen und der Reihe nach im Liegen erschossen werden. […] So wird die Pest ausgerottet. Vom Fenster meiner Arbeitsstelle ist das Ghetto auf 500 m zu sehen und Schreie und Schüsse gut wahrnehmbar. Schade, dass ich nicht dabei [bin].“

Jeder Krieg bringt Verheerung, Tod und Leid. Doch dieser Krieg war anders.

Es war deutsche Barbarei. Er hat Millionen Menschenleben gekostet, er hat den Kontinent verwüstet, und er hat – in seiner Folge – die Welt über Jahrzehnte geteilt.

Der Krieg und sein Erbe haben auch unsere Erinnerung geteilt. Und diese Teilung ist auch drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht überwunden. Sie bleibt eine Last für die Zukunft. Das zu ändern, ist unsere Aufgabe, eine Aufgabe, für die wir über die Grenzen hinweg dringend mehr Anstrengung leisten müssen – der Vergangenheit wegen, vor allem aber für eine friedliche Zukunft kommender Generationen auf diesem Kontinent! Deshalb sind wir heute hier, an einem historischen Ort, in einem Museum, getragen von 17 Institutionen aus vier Nationen. Ihre vier Fahnen wehen draußen vor dem Haus.

Auch dort, wo die sichtbaren Spuren des Krieges heute verwischt oder vom Gestrüpp eines verhängnisvollen Jahrhunderts überwuchert sind, von den Jahren des Stalinismus, des Kalten Krieges, vom Ende der Sowjetunion – da kann man die Spuren dennoch wahrnehmen. Der Krieg bleibt spürbar – wie eine Narbe, über die man mit den Fingern streicht.

Doch tun wir Deutsche das? Schauen wir überhaupt dorthin, in den viel zu unbekannten Osten unseres Kontinents?

Wer in Deutschland kennt Malyj Trostenez bei Minsk, wo zwischen 1942 und 1944 mindestens 60.000 Menschen ermordet worden sind? Oder das Dörfchen Chatyn, das im Frühling 1943 dem Erdboden gleichgemacht, und sämtliche Einwohner getötet wurden – die Hälfte von ihnen Kinder? Wer weiß von Korjukiwka in der Nordukraine, wo innerhalb von zwei Tagen 6.700 Männer, Frauen und Kinder der größten und brutalsten Strafaktion des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fielen?

Wer kennt die Stadt Rshew, unweit von Moskau, wo die Rote Armee in einer nicht enden wollenden Schlacht - allein dort - mehr als eine Million Tote und Verwundete zu beklagen hatte?

Wer kennt das Städtchen Mizocz, vor dessen Toren die jüdischen Bewohner an einem einzigen Tag erschossen wurden, am 14. Oktober 1942? Nur noch fünf Fotografien des deutschen Gendarmen Gustav Hille erinnern an den Ort des Verbrechens, der heute eine sanfte, hügelige Wiesenlandschaft ist.

„Stille und Schweigen liegen über den Toten, die unter den eingestürzten, von Gras überwucherten Heimstätten begraben sind. Die Stille ist schlimmer als Tränen und Flüche.“ So schreibt Wasili Grossman im Herbst 1943.

Doch über der Stille kann man sie hören: die Geschichten der Überlebenden, der sowjetischen Kriegsgefangenen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der vertriebenen und um ihr Hab und Gut beraubten Zivilisten, der Rotarmisten, die die Wehrmacht zurückdrängen und bezwingen sollten. Einer von ihnen war David Dushman, der als letzter Befreier von Auschwitz vor wenigen Tagen verstorben ist – wie Boris Popov im Alter von 98 Jahren. Auch er hat zeit seines Lebens Zeugnis gegeben.

Ja, dieser Krieg wirft einen langen Schatten, und in diesem Schatten stehen wir bis heute.

In einem Brief an seine Frau schreibt Helmuth James Graf von Moltke, der im August 1941 in der Völkerrechtsabteilung im Oberkommando der Wehrmacht arbeitet, „die Nachrichten aus dem Osten sind wieder schrecklich.“ […] „Hekatomben von Leichen“ liegen „auf unseren Schultern“. Immer wieder höre man Nachrichten von Gefangenen- und Judentransporten, von denen nur zwanzig Prozent ankämen. Immer wieder höre man, dass in Gefangenenlagern Hunger herrsche, Typhus und andere Mangelepidemien.

Der Krieg, von dem von Moltke berichtet hat, ließ jedes menschliche Maß hinter sich. Aber es waren Menschen, die ihn erdacht und vollstreckt haben. Es waren Deutsche.

Und so hinterlässt er uns – Generation um Generation aufs Neue – die quälende Frage: Wie konnte es dazu kommen? Was haben unsere Vorfahren gewusst? Was haben sie getan?

Nichts, was damals weit im Osten geschah, geschah zufällig. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, des SD, der Waffen-SS und ihrer Helfer bahnten sich nicht planlos und brandschatzend ihren Weg. Sie folgten dem Vernichtungswahn und den mörderischen Plänen, die im Reichssicherheitshauptamt und in den zuständigen Reichsministerien erarbeitet worden sind. Und sie folgten der Wehrmacht, deutschen Soldaten, die zuvor schon die Bevölkerung beraubt, drangsaliert oder als vermeintliche Partisanen getötet hatte. Der verbrecherische Angriffskrieg trug die Uniform der Wehrmacht. An seinen Grausamkeiten hatten auch Soldaten der Wehrmacht teil. Lange, zu lange haben wir Deutsche gebraucht, uns diese Tatsache einzugestehen.

Die Pläne, denen die deutschen Soldaten folgten, hießen „Generalplan Ost“, „Hunger- oder Backe-Plan“, und erhoben Unmenschlichkeit zum Prinzip. Es waren Pläne, die das Ausbeuten und Aushungern von Menschen, ihre Vertreibung, Versklavung und schließlich ihre Vernichtung zum Ziel hatten.

Beamte im Reichssicherheitshauptamt planten mit zynischer Sorgfalt die Vernichtung. Sie planten einen Krieg, der die gesamte sowjetische Bevölkerung – die gesamte sowjetische Bevölkerung – zum Gegner erklärte: vom Neugeborenen bis zum Greis. Dieser Gegner sollte nicht nur militärisch geschlagen werden. Er sollte den Krieg, der ihm aufgezwungen wurde, selbst bezahlen, mit seinem Leben, seinem Besitz, mit allem, was seine Existenz ausmachte. Der gesamte europäische Teil der Sowjetunion, ganze Landstriche der heutigen Ukraine und Belarus‘, sollten – ich zitiere aus den Befehlen – „gesäubert“ werden, und vorbereitet für eine deutsche Kolonisierung. Millionenstädte wie Leningrad, das heutige Sankt Petersburg, Moskau oder Kiew sollten dem Erdboden gleichgemacht werden.

Auch die sowjetischen Kriegsgefangenen sah man nicht als Gefangene. Sie waren keine Kameraden – in dieser Sicht. Sie wurden ihres Menschseins beraubt – entmenschlicht. Die Wehrmacht, die die Verantwortung für die Gefangenen trug, hatte nicht die Absicht, sie zu ernähren, sie „durchzufüttern“, wie es damals hieß. Und die deutsche Generalität widersprach Hitlers Absicht nicht, die Wehrmacht zu Vollstreckern dieses Verbrechens zu machen. „Nichtarbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern.“ So angeordnet vom Generalquartiermeister des deutschen Heeres im November 1941.

Boris Popov, von dem ich erzähle, hungert in vier verschiedenen deutschen Lagern, vom ersten bis zum letzten Tag seiner Gefangenschaft. In Drosdy, so erzählt er, bekommen sie erst nach zwölf Tagen einen halben Liter Balanda, eine Wassersuppe, die sie aus einer gusseisernen Wanne schöpfen, an der deutsche Aufseher sie vorbeitreiben.

Zum Hunger kommen todbringende hygienische Umstände. Ungeziefer, Seuchen und Krankheiten verbreiten sich. Der Kriegsgefangene Nikolaj Nikolajewitsch Danilow berichtet: „Kranke und Gesunde lagen durcheinander. Über unsere Körper krochen Läuse und Ratten.“

In der Ausstellung, die wir heute hier eröffnen, kann man ein scheinbar harmloses Foto sehen. Es zeigt hunderte Bäume, die in den Himmel ragen. Bei genauem Hinsehen erkennt man: Es sind Bäume ohne Blätter, ohne Zweige, ohne Rinde. Sowjetische Kriegsgefangene haben sie mit bloßen Händen von den Stämmen gekratzt, um nicht den Hungertod zu sterben. Das Foto vermittelt uns eine Ahnung vom Grauen dieser Lager. Es stammt aus Schloss Holte-Stukenbrock in Ostwestfalen. Auch ein Ort dieser Verbrechen, nur eben nicht weit im Osten, sondern keine Stunde von meinem Heimatort entfernt – von dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, und wo ich in meiner Schulzeit auch nichts erfahren habe über das, was weniger als zwei Jahrzehnte vorher dort geschehen war.

Nach Drosdy wird Boris Popov in das ehemalige Stammlager 352 in Masjukowschtschina verbracht, heute ein Stadtteil von Minsk. 80.000 Kriegsgefangene kommen allein hier ums Leben. Doch Popov hat Glück, er muss arbeiten, als Hilfskraft in der Poststelle der Militärverwaltung. Anfang 1942 wird er in ein Lager in Gomel überführt, zwei Monate später ins Stammlager IV B hier nach Brandenburg.

Boris Popov erlebt seine Befreiung am 23. April 1945 in Mühlberg an der Elbe. Es ist eine Ausnahme. Fast sechs Millionen Frauen und Männer der Roten Armee gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Mehr als die Hälfte von ihnen kam ums Leben – die meisten in den Sammellagern des Ostens.

Nach der Befreiung kann Boris Popov – zum ersten Mal in vier Jahren – seiner Mutter einen Brief schreiben. Nach Leningrad. Er weiß nicht, ob sie noch lebt. Eine Million Leningrader sind während der deutschen Blockade verhungert. Vor einigen Jahren hat Daniil Granin im Deutschen Bundestag vom Grauen der Blockade berichtet: „Der Tod“, sagte er, „kam leise, mucksmäuschenstill, tagein und tagaus, Monat um Monat alle 900 Tage lang. Wie wollte man dem Hunger entgehen? […] Man kratzte den Leim von den Tapeten und kochte Ledergürtel. Die Chemiker in den Instituten destillierten Firnis. Man aß Katzen und Hunde.“ Unvorstellbares diente in der blockierten Stadt als Nahrung. Daniil Granin hat in seiner unvergesslichen Rede von Grausamkeiten berichtet, die mir als Präsident dieses Landes nur schwer über die Lippen kommen.

Auch dieses absichtsvolle Vorgehen, die Stadt nicht etwa einzunehmen, sondern in 900 Tagen der Blockade auszuhungern, war – ich habe es zuvor zitiert, Teil des sogenannten Hungerplans.

Boris Popovs Mutter überlebt die Blockade. 1946 kehrt Boris Popov nach Leningrad zurück. Er kann sein Studium abschließen, heiratet und zieht mit seiner Frau nach Minsk, wo er als Chefingenieur im Filmstudio Belarusfilm arbeitet. Und als solcher reist er in den siebziger Jahren sogar noch einmal zurück nach Deutschland.

Es ist eine ergreifende Lebensgeschichte, die Boris Popov uns hinterlassen hat. Doch lange wollte man sie überhaupt nicht hören. In der Sowjetunion nicht, wo er bis 1975 darum kämpfen musste, als ehemaliger Kriegsgefangener überhaupt als Kriegsteilnehmer anerkannt zu werden. Und auch in Deutschland nicht. Das schwere Schicksal der eigenen, der deutschen Soldaten, die in sowjetischer Kriegsgefangenschaft waren, überlagerte das Interesse am Schicksal der sowjetischen. Bei manch einem erleichterte es in der unmittelbaren Nachkriegszeit womöglich auch das deutsche Gewissen.

Doch die Verbrechen, die von Deutschen in diesem Krieg begangen wurden, lasten auf uns. Auf den Nachkommen der Opfer ebenso wie auf uns, der heutigen Generation. Bis heute. Es lastet auf uns, dass es unsere Väter, Großväter, Urgroßväter sind, die diesen Krieg geführt, die an diesen Verbrechen beteiligt waren. Es lastet auf uns, dass zu viele Täter, die schwerste Schuld auf sich geladen hatten, nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Es lastet auf uns, dass wir den Opfern im Osten unseres Kontinents viel zu lange Anerkennung, auch Anerkennung durch Erinnerung, verwehrten.

Und vergessen wir am heutigen Tage nicht: Auch in uns selbst, in unseren eigenen Familiengeschichten wirkt bis heute das Leiden, das Grauen dieses Krieges und seiner Folgen – ich rede über Vertreibung, ich rede über Teilung, ich rede über Besatzung. Es sind die Alten unter uns, die den Krieg noch als Kinder erlebt haben. Es sind ihre Väter, die in ihm kämpften. Es sind ihre Mütter, Frauen, die Schlimmes erlitten haben, auch durch die vorrückende Rote Armee. Viele der Väter sind, wie man vor einigen Jahren noch sagte, „in Russland geblieben“. Sie sind gefallen, vermisst oder in der Gefangenschaft ums Leben gekommen. Auch auf den Wegen dieser vaterlosen Generation liegt der Schatten dieses Krieges.

Wer Licht in diese Erinnerungsschatten bringen will, der muss keine weite Strecke zurücklegen – sie finden sich vor unserer Haustür. Es sind nicht nur die ehemaligen Kriegsgefangenenlager wie Stukenbrock in Westfalen oder Sandbostel in Niedersachsen, das ich vor wenigen Tagen besucht habe. Es gibt in Deutschland über 3.500 Grabstätten sowjetischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener. Das Museum Karlshorst hat all diese Orte zusammengetragen und eine Landkarte erarbeitet. So wie die Gedenkstätten des Zweiten Weltkrieges im Westen besucht werden, so würde ich mir wünschen, dass junge Menschen auch die vergessenen Orte im Osten unseres Kontinents aufsuchen. Das wäre ein so wichtiger Beitrag für gemeinsames Erinnern.

Niemandem fällt es leicht, sich die Schrecken der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen, natürlich nicht. Aber verdrängte Erinnerung, nicht eingestandene Schuld wird niemals leichter, im Gegenteil, sie wird zu einer immer schwereren Last.

Wir sollten uns erinnern, nicht, um heutige und künftige Generationen mit einer Schuld zu belasten, die nicht die ihre ist, sondern um unserer selbst willen. Wir sollten erinnern, um zu verstehen, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt. Nur wer die Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart lesen lernt, nur der wird zu einer Zukunft beitragen können, die Kriege vermeidet, Gewaltherrschaft ablehnt und ein friedliches Zusammenleben in Freiheit ermöglicht.

Und deshalb sollten wir wissen, dass Orte wie Mizocz, Babyn Jar und Korjukiwka in der Ukraine, wie Rshew in Russland, wie Malyj Trostenez und Chatyn in Belarus, dass diese vergessenen Orte auch Orte deutscher Geschichte sind.

Dass nach allem, was geschehen ist, Deutsche heute von den Menschen in Belarus, in der Ukraine oder Russland – gerade an diesen Orten – gastfreundlich empfangen werden, dass sie willkommen sind, dass man ihnen warmherzig begegnet – das ist nicht weniger als ein Wunder.

Dass ich als deutscher Außenminister vor sechs Jahren, zum Jahrestag des Kriegsendes, in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, feierlich empfangen wurde von einer großen Menge Veteraninnen und Veteranen – aufrecht und stolz in ihren viel zu groß gewordenen Uniformen, die Hand zum militärischen Gruß erhoben, mit Tränen in den Augen – das gehört zu den bewegenden, prägenden Erinnerungen meines Lebens.

Meine Bitte ist: Machen wir uns an diesem Tag, an dem wir an Abermillionen Tote erinnern, auch gegenwärtig, wie kostbar die Versöhnung ist, die über den Gräbern gewachsen ist.

Aus dem Geschenk der Versöhnung erwächst für Deutschland große Verantwortung. Wir wollen und wir müssen alles tun, um Völkerrecht und territoriale Integrität auf diesem Kontinent zu schützen, und für den Frieden mit und zwischen den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zu arbeiten.

Boris Popov erhielt 2007 Post von dem deutschen Verein Kontakte-Kontakty. Man bat ihn, seine Geschichte in einem Brief zu erzählen. Dieser erste Brief war der Anfang. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr hielt Boris Popov Vorträge und Reden, sprach als Zeitzeuge in Schulen und vor Publikum in Belarus und Deutschland. Im März 2020, wenige Monate vor seinem Tod, wurde ihm in Minsk das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Ich weiß, dass Soja Michajlowna Popowa, die Witwe von Boris Popov, und ihre Enkelin, uns jetzt gerade per Livestream in Minsk zuschauen. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle einen ganz herzlichen Gruß zusenden.

Auf die Frage eines Berliner Schülers, was er fühle, wenn er an die Zeit seiner Gefangenschaft denke, sagte Boris Popov einmal:

„Es ergibt sich zwingend die Frage: Wäre es nicht für die Menschheit Zeit, Kriege grundsätzlich abzulehnen und im Verhältnis gegenseitiger Achtung auch noch so komplizierte Fragen friedlich zu lösen?“

Das ist die Frage, die Boris Popov uns gestellt hat.

Mein Eindruck ist: Europa war einer Antwort schon einmal näher als heute. Es gab vor Jahrzehnten, trotz Spannungen und Blockkonfrontation, auch einen anderen Geist, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Ich meine den Geist von Helsinki. Inmitten der gegenseitigen Drohung mit nuklearer Vernichtung entstand ein Prozess, der durch Anerkennung gemeinsamer Prinzipien und durch Zusammenarbeit einen neuen Krieg vermeiden wollte und vermeiden half. Dieser Weg, der bis zur Schlussakte von Helsinki führte, liegt jetzt fast ein halbes Jahrhundert zurück. Er war weder einfach noch gradlinig. Aber es war ein Weg, der wegführte von der Logik der Eskalation und der Gefahr wechselseitiger Vernichtung. Wenn Sie so wollen, ein langer und steiniger Weg. Aber viel mehr als steinige Wege fürchte ich Stillstand und Entfremdung.

Ich mache mir große Sorgen, dass die leidvolle Geschichte, an die wir heute erinnern, selbst mehr und mehr zur Quelle von Entfremdung wird. Wenn der Blick zurück auf eine einzige, nationale Perspektive verengt wird, wenn der Austausch über unterschiedliche Perspektiven der Erinnerung zum Erliegen kommt oder er verweigert wird, dann wird Geschichtsschreibung zum Instrument neuer Konflikte, zum Gegenstand neuer Ressentiments. Und deshalb bleibt meine Überzeugung: Geschichte darf nicht zur Waffe werden!

Denn uns eint doch dies: Wir erinnern nicht mit dem Rücken zur Zukunft, sondern wir erinnern mit dem Blick nach vorn, mit dem klaren und lauten Ruf: Nie wieder ein solcher Krieg! Ich weiß, dass ich diesen Ruf mit vielen, vielen Menschen in Polen und den baltischen Staaten, in der Ukraine, in Belarus und in Russland teile, in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. An Sie, an die Bürgerinnen und Bürger all der Länder, die unter dem deutschen Vernichtungskrieg gelitten haben, richte ich heute mein Wort:

Lassen Sie und lassen wir nicht zu, dass wir einander von neuem als Feinde begegnen; dass wir den Menschen im Anderen nicht mehr erkennen. Lassen wir nicht zu, dass die das letzte Wort haben, die der nationalen Überheblichkeit, der Verachtung, der Feindschaft, der Entfremdung das Wort reden. Die Erinnerung soll uns einander näherbringen. Sie darf uns nicht von Neuem entzweien.

Hier, in diesem Haus, wurde das Kriegsende besiegelt. Für unser Land und für diese Stadt wird Karlshorst deshalb immer ein besonderer Ort sein – ein Ort der Erinnerung.

Bei allen politischen Differenzen, bei allem notwendigen Streit über Freiheit und Demokratie und Sicherheit muss Platz sein für Erinnerung. Deshalb bin ich heute hier.

Erinnerung an Vergangenes heilt nicht die Wunden, die in der Gegenwart geschlagen werden – aber die Gegenwart tilgt auch niemals die Vergangenheit. So oder so lebt Vergangenes in uns fort: entweder als verdrängte Geschichte, oder als eine Geschichte, die wir annehmen. Zu lange haben wir Deutsche das mit Blick auf die Verbrechen im Osten unseres Kontinents nicht getan. Es ist an der Zeit, das nachzuholen.

Und darum sind wir heute hier in Karlshorst. Wir sind hier, um an 27 Millionen Tote zu erinnern – an 14 Millionen zivile Opfer.

Wir sind hier, um an den ungeheuren Beitrag der Frauen und Männer zu erinnern, die in den Reihen der Roten Armee gegen Nazideutschland gekämpft haben.

Wir blicken auf ihren Mut und ihre Entschlossenheit; auf die Millionen, die gemeinsam mit den amerikanischen, britischen und französischen Alliierten und vielen anderen ihr Leben eingesetzt und viele von ihnen verloren haben, für die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Ich bezeuge meinen tiefen Respekt für ihren Kampf gegen – wie Yehuda Bauer schreibt – „das schlimmste Regime, das diesen Planeten je geschändet hat“.

Ich verneige mich in Trauer vor den ukrainischen, belarusischen und russischen Opfern – vor allen Opfern der ehemaligen Sowjetunion.

Arbeiten wir für eine andere, für eine bessere Zukunft. Es liegt in unser aller Hände.

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