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Ein Land, das sich nicht schämt, menschlich zu sein

12.03.2018 - Artikel
Gewinnerin des Wettbewerbs in der Kategorie Politik Aljona Budsynska
Gewinnerin des Wettbewerbs in der Kategorie "Politik" Aljona Budsynska© Deutsche Botschaft Kiew

Deutschland ist ein paradoxes Land. Ein Land, das über Jahrhunderte zersplittert blieb, dessen zwei Hälften für 40 Jahre sogar in verschiedene Welten - zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs – gerieten, das sich  aber zu einer der monolithischsten Nationen Europas vereinigen konnte. Ein Land, das zwei Weltkriege begonnen und verloren hat, es aber schaffte, eines der erfolgreichsten Friedensprojekte in der Geschichte - die Europäischen Union - zu etablieren, das Projekt, das den ewigen Konflikten zwischen Frankreich und Deutschland, Frankreich und Großbritannien ein Ende setzte und Europa friedlicher, sicherer und demokratischer machte. Ein Land, in dessen Geschichte es schwarze Kapitel des Nationalsozialismus gab, das aber zu einer der stärksten Demokratien der Welt geworden ist, das mit offenem Herzen Flüchtlinge aufnimmt, das finanziell und mit Friedensmissionen Hilfe leistet. Es scheint, dass dieses Land die einzigartige Fähigkeit besitzt, wie Phönix aus der Asche aufzuerstehen und jedes Mal stärker zu werden.

Bei der Analyse von 25 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine sollte in erster Linie nicht an die Millionenbeträge der finanziellen Unterstützung und die kompetente Beratung der Ebert-Stiftung oder Adenauer-Stiftung erinnert werden, obwohl ihr Wert für die Ukraine unbestreitbar ist. Und nicht einmal an die aktive Beteiligung Deutschlands am Minsker Prozess und am Normandie-Format, obwohl die Position Deutschlands hinsichtlich der Besetzung von Krim und Donbass  die vielleicht angenehmste Überraschung in dieser traurigen Geschichte wurde, konnte sich doch das Land, das gewichtige Beziehungen mit Russland in den Bereichen Wirtschaft und Energie hat, über seine kurzfristigen geschäftlichen Interessen erheben und sein Bekenntnis zu den europäischen Rechtsstaatsprinzipien bekräftigen. Ich möchte einen frostigen Januarmorgen im Jahre 2013 wieder ins Gedächtnis rufen, als die Minister von Janukowytsch ausländische Botschafter von der Rechtmäßigkeit der grausamen Handlungen der Bereitschaftspolizei in Kiew zu überzeugen suchten, und der deutsche Botschafter Christoph Weil, vielleicht nicht sehr diplomatisch, aber sehr menschlich, an die Toten erinnerte und daran, dass ein Staat, der seine Bürger tötet, den Rubikon überschreitet und illegitim wird. Paradoxerweise erinnerte der deutsche Botschafter die ukrainischen Behörden daran, dass das Wertvollste des ukrainischen Staates der Mensch sei. Eine Erfahrung von Menschlichkeit, die die vorherige Regierung der Ukraine nicht angenommen hat, ich hoffe aber, dass die gegenwärtige es tun wird.

Ich sehe Deutschland als ein Land, das sich nicht schämt und keine Angst davor hat, menschlich zu sein (und Merkels mutige Politik gegenüber Flüchtlingen ist dafür ein gutes Beispiel). Wo Parteien wie die Alternative für Deutschland keine Machtchancen haben, zumindest weil es keine Alternative zur Menschlichkeit gibt.

Wie sehe ich die Beziehungen unserer Staaten in der Zukunft? In naher Zukunft sind das Beziehungen zwischen einem Lehrer und einem Schüler. Ich schäme mich nicht für diese Formel. Denn erstens ist das Lernen nie beschämend und zweitens muss der Schüler der Logik der Entwicklung zufolge letztlich seinen Lehrer übertreffen. Die Formate eines solchen "Lernens" mögen unterschiedlich sein, mir persönlich aber imponiert das Format des "Weimarer Dreiecks". Seinerzeit hat dieses Dreieck aus Frankreich, Deutschland und Polen unseren westlichen Nachbarn, den Polen, wesentlich dabei geholfen, der Europäischen Union näher zu kommen. Vieleicht ist es an der Zeit, aus dem Weimarer Dreieck das Weimarer Quadrat zu machen - wo die Ukraine eine neue Ecke werden könnte. Dieses " Vierer- Bündnis" wäre nicht nur für die Ukraine, sondern auch für ganz Europa von Nutzen - durch die Schaffung eines "Sicherheitsgürtels" vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer.

Es besteht kein Zweifel, dass Deutschland der Hauptmotor der Europäischen Union und der Hauptkritiker des Isolationismus bleiben wird, der an Popularität gewinnt - von Washington bis London. Für Deutschland ist es jedoch äußerst wichtig, sich nicht ausschließlich auf die EU zu beschränken. Es ist wichtig, neue Brücken zu bauen und die alten Brücken über die Ozeane zu stärken - mit China und Indien, mit Brasilien und Japan - um multilaterale Formate zu festigen, auch im Rahmen der Vereinten Nationen, da die Bundesrepublik Deutschland eine ständige Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat wirklich verdient.