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Grußwort des deutschen Botschafters in der Ukraine, Ernst Reichel, anlässlich der Veranstaltung zum Gedenken an das Massaker vom 22. und 23. Oktober 1941 in Odessa

15.10.2018 - Artikel

Sehr geehrter Herr Gouverneur,

sehr geehrter Herr Vorsitzender des Gebietsrats,

aber vor allem: verehrter Herr Koslenko, verehrter Herr Schwarzman, verehrter Herr Saslawskij,

liebe Frau Beck.

Es fällt mir schwer, nach so ergreifenden Schilderungen des Massakers von Odessa vom 22. und 23. Oktober 1941 zu sprechen. Nicht allein, weil schon vieles gesagt wurde, was ich so nicht ausdrücken könnte. Nicht allein, weil später noch Herr Saslawskij sprechen wird, der letzte Zeitzeuge des Massakers. Und auch nicht allein, weil Bundeskanzlerin Merkel einen Brief aus Anlass unserer heutigen Gedenkfeier geschrieben hat, der in Kürze verlesen wird.

Sondern vor allen Dingen, weil ich vor Ihnen stehe als der Vertreter Deutschlands, jenes Landes, das die Verantwortung für den Holocaust trägt. Die historische Verantwortung, die moralische Verantwortung, und die menschliche Verantwortung. Die unfassbare Zahl von 6 Millionen Menschen wurde ermordet. Sie waren nicht die Opfer von Kriegshandlungen. Ihr Tod war nicht die unvermeidliche Folge des Kriegs, den Deutschland ebenfalls über die Welt gebracht hatte. Sondern es handelte sich um den Versuch, das jüdische Volk in Europa auszulöschen. Die gezielte Ermordung von Menschen aus Hass gegen Andersgläubige, aus Rassenhass, mit barbarischer Entschlossenheit und Konsequenz.

Eine Untat in dieser mit dem Verstand nicht zu erfassenden Unzahl von Verbrechen war es, dass Angehörige anderer Länder, freiwillig oder unter Druck, zu Mittätern gemacht wurden. Dies mindert die deutsche Schuld, die deutsche Verantwortung nicht, sondern es vergrößert sie noch weiter.

Noch immer gibt es in dieser Trümmerlandschaft der Menschenvernichtung Massaker an vielen Tausenden von Menschen, die drohen, in Vergessenheit zu geraten. Und deshalb ist es nicht nur wichtig, sondern gerecht, dies nicht zuzulassen. Wir müssen uns immer wieder eine Vorstellung machen von dem unbeschreiblichen Leid der Opfer, und von dem bis heute anhaltenden Schmerz der Überlebenden wie auch der Angehörigen und Nachkommen der Opfer. Und wir müssen uns klar machen, dass Menschen zu solchen Taten fähig sind, auch in Zukunft.

Dies ist, weshalb wir heute hier sind. Die Vergangenheit ist Mahnung und Lehre – und so muss es immer bleiben. Sie verpflichtet uns, die Stimme zu erheben, wenn uns Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Hass begegnen.

In großer Trauer und Demut verneige ich mich vor den Opfern des barbarischen Verbrechens, das vor 77 Jahren begangen wurde.

Und nun möchte ich Frau Marieluise Beck bitten, noch einmal ans Mikrofon zu kommen, um das Grußwort von Bundeskanzlerin Merkel zu verlesen.

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